Responsive Radio passt sich an den Hörer an

BBC Research & Development ist die Experimentierwerkstatt des öffentlich-rechtlichen britischen Rundfunks. Die BBC entwickelt hier neue Konzepte und Techniken für die journalistische Arbeit und tastet sich auch an neue Erzählformen für TV-Reportagen oder Internet-Newsdienste heran. Einzelne Projekte werden etwa innerhalb des Onlineportals „BBC Taste“ ausgestellt, auf der Nutzer die neuen experimentellen Formate ausprobieren und bewerten können.

Screenshot BBC Taster / Responsive Radio

Kein normaler Audioplayer: Wer hier am Regler regelt, kann die Spieldauer der Reportage anpassen und verpasst (fast) nichts. Screenshot bbc.co.uk/taster/projects/responsive-radio

Eines dieser Projekte, das definitiv das Potenzial hat, die Radiowelt sowohl auf Seiten der Hörer als auch der Journalisten stark zu verändern, ist das „Responsive Radio“. Der Begriff des „responsive designs“ ist in Bezug auf die Programmierung von Webseiten bereits etabliert, hier geht es um Internetseiten, die sich z.B. an die Bildschirmgröße des genutzten Desktop-PCs, Smartphones oder Tablets anpassen. Bei „Responsive Radio“ ist das ganz ähnlich, nur dass hier der Inhalt eines aufgezeichneten Radioprogramms zum Beispiel an die Zeit angepasst wird, die dem Hörer zum Radiohören zur Verfügung steht. In der Praxis funktioniert das bereits: Ein Radiofeature der BBC wurde vom „Research & Development“-Team so angepasst, dass der Nutzer im Onlineplayer auf der Webseite angeben kann, wie viel Zeit er hat, um sich das Feature anzuhören – vielleicht auch entsprechend wie stark ihn das Thema interessiert, wie weit er also in die Materie einsteigen will. Mithilfe eines Schiebereglers lässt sich die gewünschte Hördauer zwischen 12 und 24 Minuten anpassen, nach einen Klick auf „Play“ beginnt dann die Wiedergabe. Der Hörer wird bei der kürzesten Wunscheinstellung von 12 Minuten also keine essentiellen Informationen verpassen. Wer sich hingegen 20 oder sogar 24 Minuten Zeit nimmt, kann hingegen noch weitere Original-Zitate der Interviewpartner, Hintergrundinformationen oder Musikeinspielungen erwarten.

Logo: BBC Taster

Quelle: BBC

Möglich wird dies mittels „Object Based Broadcasting“. Dabei wird nicht mehr wie üblich das komplette Radiofeature als MP3-Datei gestreamt. Für das „Responsive Radio“ wurde das es in rund 30 Einzelteile geschnitten. Diese Einzelteile können O-Töne oder einzelne Sätze des Sprechers des Beitrages sein. Je nach voreingestellter Länge spielt der intelligente Webplayer dann entweder alle Kapitel in ihrer Reihenfolge ab oder überspringt einzelne Teile, die in der Produktion durch die Journalisten als weniger essentiell markiert wurden, um die Geschichte und Dramaturgie des Beitrags zu begreifen. Im Rahmen des Experiments kann dieser Webplayer dem interessierten Nutzer auch genau anzeigen, welche „Audioschnippsel“ ihm aufgrund seiner Voreinstellung abgespielt und welche übersprungen wurden. Alle diese Einzelteile enthalten aber vornehmlich Sprechertexte oder O-Töne und andere Einspieler. Hintergrundmusiken werden separat angeliefert. Das hat den Vorteil, dass der Sprechertext zwar „geschnitten“, also ein Zwischenteil übersprungen wird, die Musik im Hintergrund aber flüssig zu hören ist, es existieren also zwei Audiospuren parallel. Außerdem kann der Lautstärkeunterschied vom Hörer auf Wunsch manuell nachgeregelt werden, was bei „fertigproduzierten“ MP3-Podcasts natürlich unmöglich wäre.

Das „Responsive Radio“ kann aber auch viel simplere Aufgaben erfüllen: Je nach genutztem Endgerät kann sich die Audioqualität automatisch anpassen. Das heißt: Wer einen aufwändig produzierten Radiobeitrag im heimischen Wohnzimmer auf der Surround-Sound-Anlage hört, bekommt automatisch die Surround-Version präsentiert. Andere Hörer erhalten eine normale Stereo-Version – und wer unterwegs ist und per Smartphone via Handynetz auf Empfang ist, dem wird eine Version angeliefert, deren Dateigröße etwas niedriger oder auf Kopfhörernutzung optimiert ist.

In einer durch die BBC auf den Münchner Medientagen vorgestellten Vision kommen alle Ansätze zusammen: Eine schlaue Radioplayer-App auf dem Smartphone erkennt etwa, wie lange der tägliche Weg zur Arbeitsstelle oder zur Universität ist (Apple und Google tun dies teilweise mittels GPS jetzt schon), bzw. wie lange am Morgen die Radio-App eingeschaltet ist. In den kommenden Tagen wird das Programm dann genau für den Hörer vorkonfektioniert, sodass er im Idealfall alles Wichtige vom Tage (und vielleicht noch ein bisschen mehr) bei seiner Ankunft am Zielort gehört hat. Inwiefern sich dann noch Musikstücke, aus dem linearen Programm (in Form von ganzen Live-Blöcken aus einer Radiowelle) oder der persönlichen MP3- bzw. Spotify-Playlist in diesen Ablauf einplanen lassen, wird sich zeigen. Das Projekt steht noch am Anfang, schließlich sind die Vorbereitungsschritte hinter den Kulissen noch groß. Denn Radiostücke werden von den Journalisten momentan nicht in modularer Form ins Sendesystem übergeben, wie es für das „Responsive Radio“ nötig wäre, sondern als klassische, „komplette“ Audiodatei. Auch der Bearbeitungsprozess für die Redakteure müsste sich also im Idealfall verändern, in Sachen Bearbeitungssoftware und Beitragsplanung gleichermaßen (wo können Schnittpunkte gesetzt werden, welche Beitragsteile sind „weniger wichtig“?).

Der experimentelle Responsive-Radio-Player zeigt an, welchen Pfad man durch das Radiostück nimmt, wenn man viel Zeit hat (oben) oder wenig (unten). Dann werden einzelne Kapiten übersprungen. Screenshot: bbc.co.uk/taster/projects/responsive-radio

Der experimentelle Responsive-Radio-Player zeigt an, welchen Pfad man durch das Radiostück nimmt, wenn man viel Zeit hat (oben) oder wenig (unten). Dann werden einzelne Kapiten übersprungen. Screenshot: bbc.co.uk/taster/projects/responsive-radio

Sicher ist, dass sich „Responsive Radio“ nicht für jedes Radioprogramm eignen kann – natürlich viel eher für wortgeprägte Sender als für reine Musikstationen mit unterhaltendem Charakter, die kaum Service- und Nachrichtenbeiträge im Programm haben. Festzuhalten bleibt aber, dass sich Radio mit einem System wie diesem, Internetverbindung vorausgesetzt, unbemerkt in die Tagesabläufe eines jeden Einzelnen integrieren kann. Anders als bisher passt sich das Radio automatisch an die Bedürfnisse des Hörers an. Ob sich dieser Ansatz durchsetzen kann, wird sich zeigen – vorstellbar wäre es aber auf jeden Fall.

Weitere Informationen
Beispielreportage der BBC als „Responsive Radio“-Projekt (jedoch nur innerhalb Großbritanniens abrufbar oder mittels Proxy-Server)